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Die Steinschloss Jägerbüchse und ihre Geschichte

 

 

Was die Longrifle für das amerikanische Schützenwesen, das ist die kurze, auch als Stutzen bezeichnete Jägerbüchse für die Schützentradition im deutschsprachigen Raum.


Dabei war dieser optisch immer etwas schwer wirkende Waffentyp aus der Steinschlossära viel mehr als nur ein Jagdgerät. Natürlich diente diese gezogene Pflasterbüchse auf der einen Seite dem edlen Weidwerk. Einige Stilelemente wie den Achtkantlauf, den bis zur Mündung reichenden Vorderschaft und den mit Fingerauflage versehenen langen Abzugsbügel verdankte der Stutzen seinem Vorläufer, den von Hofbüchsenmeistern oft zu wahren Kunstwerken verzierten Radschlossbüchsen. Gerade im absolutistischen Barock lief die Schaftkunst mit filigranen Verschneidungen und Silberdraht- Einlagen zur Hochform auf. Mit den Auswanderern kam der kurze Stutzen auch nach Amerika, wo er sich dank deutscher und deutschstämmiger Büchsenmacher in Pennsylvania quasi zum Geburtshelfer der Longrifle entwickelte.


Andererseits aber geriet der Jägerstutzen in Deutschland schon zum Ausgang des 17. Jahrhunderts zur gefürchteten Militärwaffe einer elitären

Spezialeinheit.


Die aus Forstamts Anwärtern und Jagdgehilfen rekrutierte Jägertruppe konnte für sich in Anspruch nehmen, die erste Scharf- Schützentruppe der Militärgeschichte zu sein. Dänemarks König Christian IV. und der hessische Landgraf Wilhelm V von Kassel kamen im 30 jährigen Krieg wohl als erste auf die Idee, ihre Jagdburschen und fürstlichen Waldhüter mitsamt ihrer grünen Kluft und ihren ,,geschraubten Puchsen" zur Fahne zu rufen. Andere Fürsten folgten bald dem erfolgverheissenden Vorbild. Spätestens gegen Mitte des 18. Jahrhunderts konnten neben militärischen Großmächten wie Österreich, Bayern und Preußen auch kleine­re Armeen, etwa die von Ansbach-Bayreuth oder Württemberg Jäger ins Feld schicken.

 

 

  

Das treffsichere Feuer der unter Ausnutzung von jeder Deckung als Einzelkämpfer operierenden Elite  sorgte bald für Furcht und Schrecken unter den Gegnern. Denn ob im 17. oder 18. Jahrhundert: Der normale Musketier, ein Söldner im Dienst seines Fürsten, in Reih und Glied unter der oft despotischen Fuchtel seines Sergeanten oder Offiziers stehend, schoss seine glattrohrige Muskete mehr oder weniger ins Blaue ab. Denn es kam auf die Salvenwirkung der Kompanie- oder Bataillonsfront an, nicht auf gezieltes Einzelfeuer.


Anders bei den Jägern, die als Freiwillige dienten und nach Abschluss ihrer Verpflichtung Aussicht auf eine respektable Forststelle am Hofe hatten. In den wenigen Jäger- Regimentern schlug und beschimpfte man die Soldaten nicht wie Leibeigene, selbst im strengen Preußen redeten Offiziere ihre Jäger als ,,Messieurs" an. Intelligenz war gefragt und Eigeninitiative, denn die Fußjäger sollten wie ihre berittenen Kameraden als Einzelne oder in Paaren auch Späh­ und Vorposten- Dienste durch­führen können.


 Ähnlich wie bei der Treibjagd dirigierten die Unterführer ihre Schützen in der Schlacht beim aufgelösten Gefecht mit Hornsignalen und Trillerpfeifen. Das Signalhorn diente vielen Einheiten als Erkennungssymbol. Verbundenheit mit dem Weidwerk auch beim Seitengewehr: Die Jägertrup­pe trug kein Dreikant- Tüllenbajonett oder einen Kurzsäbel, sondern einen Hirschfänger, der um 1800 schließlich auch über einen Kasten am Griff oder Haken am Lauf aufgepflanzt werden konnte. Und bis zum heutigen Tag lautet das Kommando bei den Green Howards, welche die Tradition der Jägertruppe (englisch ,,Rifle Regiment") in der britischen Armee fortführen, nicht ,,fix bajonet" sondern ,,fix swords".


Die meisten Rekruten beherrschten schon vor Eintritt in die grüngekleidete Truppe den Umgang mit der Büchse. Viele waren Söhne von Förstern oder bei Hofjägern in die Lehre gegangen. Nach der Grundausbildung war jeder von ihnen in der Lage, so beschrieb es anno 1862 der Militärhistoriker Wilhelm von Ploennis, ,,auf 80 bis 100 Schritt die Hand, auf 150 Schritt den Kopf, auf 200 Schritt die Brust eines Mannes zu treffen".


Die Arsenale lieferten die dazu notwendigen Präzisionswaffen, die nach dem Vorbild des Jagdgewehrs jener Zeit gefertigt wurden. Aber die Jägerbüchsen unterschieden sich kaum von Land zu Land; Mit einer Gesamtlänge von etwa einem Meter waren sie relativ kurz und handlich, besaßen einen starkwandigen, meist achtkantigen Lauf mit für die gepflasterte Rundkugel tief gezogenem Innenleben. Obenauf saßen üblicherweise verstellbare Klappenvisiere für unterschiedliche Distanzen und Messingkorne für schlechte Lichtverhältnisse.

 

 

Die Kalibergrösse schwankte von 14,5 bis nahe an 17mm.  Selbst innerhalb einer Kompanie. Denn die von den erfahrenen Berufssoldaten sehr pfleglich behandelten Gewehre wurden von den Büchsenmachern der Truppe immer wieder nachgezogen, wenn sich das Profil abgenutzt hatte. Gefrischt nannte man das damals. Deshalb trug jeder Jäger die für seine Waffe passende Kugelzangen im Tornister, dazu gehörte noch ein kleiner Vorrat von Passkugeln, also Kugeln, die genau dem Felddurchmesser entsprachen. Kleine Kaliberabweichungen liessen sich aber auch durch die stärke des Stoffpflasters auffangen.


Der Ladevorgang dauerte natürlich länger als bei Muskete. Denn bei ihr musste der Soldat das Pulver nur aus der Papierpatrone in den Lauf schütten und die unkalibrierte Kugel ins Rohr rollen lassen.  Auch die Jägertruppe nütze vorgefertigte Papierpatronen, mitunter sogar selbstgemachte. Jeder Mann kannte die Optimallaborierung für seine Büchse und führte ein Pulverhorn bei sich, um einzelne Zielschüsse genau vorbereiten zu können. Für den Feldeinsatz wiederum griff man auf die Taschenmunition zurück. In einigen Armeen, wie in Österreich, trugen die Jäger den Ladehammer zum Starten der Pflasterkugel in der Mündung und den eisernen Ladestock sogar neben dem Seitengewehr am Bandolier.
Wahre Wunder berichten die Zeitgenossen von diesen Spezialeinheiten, die auf 150 Meter Offiziere aufs Korn nahmen, Kanoniere von ihren Geschützen verscheuchten und Meldereiter vom Pferd schossen. Die Briten mieteten in den deutschen Fürstentümern Jägertruppen, als sie 1776 in den amerikanischen Kolonien mit den treffsicheren Kolonisten Ärger bekamen.


Und während der Napoleonischen Kriege schufen sie m dem 6Oth und 95th zwei grüngekleidete Regimenter nach teutonischem Vorbild, die sie mit der Büchse des Londoners Ezechiel Baker ausstatteten. Preußen stellte ab 1813 ganze Formationen ,,freiwilliger Jäger" auf, in die gebildete Bürgersöhne eintraten, die sich mit Uniform und Büchse selbst ausstatten mussten.

 

 

 Die Jägerbüchse überdauerte in ihrer Urform die Steinschloss- Epoche. Die Preußen aptierten ihr Modell von 1810 Mitte der 30er Jahre, die Österreicher  konvertierten ihre Lorenz- Büchsen ab 1866 sogar mittels des Wänzl­ Klappenverschlusses für eine Randfeuerpatrone. Viele Militärbüchsen gingen aber mit ihren Besitzern in den Forstdienst. Nicht zuletzt deshalb kosten originale, guterhaltene Steinschlossbüchsen heute über 3000 Mark. Für viele Sammler ist damit natürlich eine Schmerzgrenze erreicht, ganz zuschweigen von den schönen Werkstücken aus der Barock Zeit,  deren  Preise meist in schwindelerregenden Dimensionen liegen. Repliken ihrerseits sind Mangelware, weil die italienische Industrie zu sehr auf den US-Markt spekuliert. So ist die Jägerbüchse die Domäne jener kleinen Elite von Heimwerkern und Custom- Büchsenmachern, die sich auf ausgefallene Wünsche spezialisiert haben  und das ist auch kein billiges Vergnügen.


Einer der ersten deutschen Büchsenmacher dieser Art war Rolf Wolf aus Schwäbisch Hall, aus dessen Schule Meister Werner Biederstädt hervorging. Auch in den USA haben sich einige Gunsmiths auf die ,,yeager rifle" spezialisiert. Von dort kommen auch die Pläne, Bausätze und Teile, mit denen sich ambitionierte Heimwerker hierzulande an den Bau solcher Schmuckstücke wagen können.

 

 

  

Jägerbüchse mit Zubehör (Replika von Palmetto, Brecia Italien Cal. 50)

 


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